KI-Avatare und interaktive Roboter im Gesundheitswesen: Wo könnten digitale Interaktionspartner helfen?

Die Zahl hochaltriger Pflegebedürftiger in Deutschland wächst, bis 2035 werden es rund 5,6 Millionen Menschen sein. Gleichzeitig prognostiziert das statistische Bundesamt bis 2035 über 300.000 fehlende Pflegekräfte – Tendenz steigend (Quelle: Destatis 2025). Besonders schwerwiegend ist diese Lücke für die palliative Versorgung bzw. Sterbebegleitung: Dennneben dem personellen Engpass mangelt es an einer flächendeckenden, standardisierten Vermittlung kommunikativer Fähigkeiten zu sensiblen Gesprächen über Sterben, Abschied und persönliche Wünsche. Diese zu erlernen, ist zeit- und kostenintensiv und wird unterschiedlich intensiv in der Zusatzausbildung behandelt. Digitale Technologien wie KI-Avatare können in der Ausbildung palliativer Begleiter unterstützen – etwa mit Simulationen realistischer Gesprächssituationen.
Doch wie genau kann das in der Praxis aussehen? Antworten liefert das Projekt „Avatare und interaktive Roboter als Interaktionspartner im Gesundheitswesen: Validierung von Anwendungsszenarien“ der Mittelstand-Digital Zentren WertNetzWerke und Ländliche Regionen. Am Beispiel der drei Bereiche Pflege und Versorgung, Klinikalltag und Infotainment sollen konkrete Nutzungsszenarien für den Einsatz interaktiver KI-Avatare erfasst und deren technologische Umsetzung sowie gesellschaftliche Relevanz eingeschätzt werden. Das Ziel: Realistische Szenarien erfassen, um die Grundlage für die Gestaltung von technologisch umsetzbaren, datenschutzkonformen und gleichzeitig praxisnahen sowie nutzerzentrierten KI-Avatare zu ermöglichen.
Infobox: Was sind KI-Avatare?
Avatare kennen die meisten wohl aus dem Gaming- oder Social-Media-Bereich: ein statisches Bild oder eine Figur, die die Nutzer:innen darstellt. Ein KI-Avatar ist jedoch mehr. Hier steuert eine Künstliche Intelligenz (KI) eine digitale Figur, um menschliches Verhalten, Sprache und Mimik nachzuahmen. Sofern die KI auf den Anwendungsfall trainiert wurde, kann der KI-Avatar autonom und auf natürliche Weise in einer virtuellen Umgebung mit den Benutzer:innen interagieren.
Ein KI-Avatar kann dabei zum Beispiel:
- als digitaler Klon, den Nuzter:innen auf virtuellen Veranstaltungen eingesetzt werden,
- als Chatbot mit menschlichem Aussehen Fragen beantworten oder Ratschläge zu einem Thema geben,
- oder natürliche Gespräche mit Nutzer:innen führen.
Herausforderung: Alle relevanten Akteure zur gemeinsamen Entwicklung einbinden
Damit die KI-Avatare am Ende in der Praxis wirklich sinnvoll sind, genügt es nicht, nur die Technik zu entwickeln. Entscheidend ist, dass alle relevanten Akteure von Anfang an eingebunden sind, damit die entwickelten Lösungen auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Anwender:innen ausgerichtet, technisch umsetzbar und im Einsatzszenario realistisch einsetzbar sind.
Dafür braucht es einen kontinuierlichen Austausch zwischen den relevanten Partnern während der Entwicklung. Im Projekt sind dies:
- Technologieunternehmen, die Avatare bereitstellen,
- betroffene Einrichtungen im Anwendungskontext wie zum Beispiel Pflegeheime, Hospizdienste und andere soziale Einrichtungen, die sich mit den Alltagsanforderungen auskennen
- und die Menschen, die die Avatare nutzen sollen.
Diese Akteure systematisch während der Entwicklung digitaler Tools in einem Wertnetzwerk einzugliedern und mit ihnen gemeinsam realistische Szenarien für KI-Avatare und interaktiven Roboter zu erarbeiten, stellt jedoch eine Herausforderung dar. So mangelt es üblicherweise an einem grundlegenden, gegenseitigen Verständnis: Während Entwickler:innen den Anwendungskontext nicht immer im Blick haben, fehlt Anwender:innen wiederum der Überblick über die technischen Möglichkeiten. Kommt es jedoch zu einem verständlichen Austausch, können marktorientierte Weiterentwicklungen entstehen, die sowohl unternehmerisch tragfähig als auch gesellschaftlich anschlussfähig sind und dadurch eine nachhaltige Nutzung sichern. Im Projekt wird dies für zwei Nutzungsszenarien erarbeitet: Im ersten Nutzungsszenario geht es um das Training mit KI-Avataren, um sensible Gespräche in der palliativen Sterbebegleitung mittels Rollenspiele zu üben. Im zweiten Nutzungsszenario werden die Möglichkeiten von KI-Avataren in der öffentlichen Verwaltung als Berater erfasst.
Lösungsansatz: Innovationen mit und für Menschen entwickeln
Um alle relevanten Akteure bei der Entwicklung mit einzubeziehen, verfolgen die Expert:innen der beiden Mittelstand-Digital Zentren einen systematischen und kollaborativen Ansatz. Die KI-Avatare sollen gezielt in mehreren Schritten weiterentwickelt werden: Zunächst sollen Ausgangslage, Erwartungen und Zielrichtung des Projekts geklärt werden. Darauf folgt ein gemeinsames Brainstorming zu verschiedenen Anwendungsszenarien, in denen Avatare in Zukunft eingesetzt werden könnten, wie z. B. zur Schulung von Gesprächstechniken, um Empathie zu trainieren.
Nach dem Brainstorming soll es konkreter werden. Die Expert:innen planen hier eine Technologiezuordnung mit anschließender Wertnetzwerkanalyse, um die Machbarkeit des Anwendungsszenarios zu bestimmen und einen technologischen Ansatz für die weitere Umsetzung zu identifizieren. Um im Rahmen des Digitalisierungsprojekts zu einem sinnvollen Ergebnis zu kommen, müssen im nächsten Schritt 2-3 Szenarien mit hohem gesellschaftlichem Mehrwert und Marktpotenzial für Unternehmen ausgewählt werden.
Nicht zuletzt spielt die Validierung der Relevanz des Projekts und der ersten Anforderungen in enger Abstimmung mit Anwender:innen eine wichtige Rolle für die Integration in die Praxis. Hier ist geplant, anwendungsnahe Partner wie Pflegeheime miteinzubeziehen. Schließlich sollen die ausgewählten Szenarien konkretisiert werden, um einen Fahrplan für die Entwicklung und Umsetzung relevanter KI-Tools aufzusetzen.
Ausblick: Digitale Zukunftschancen durch Avatar- und KI-Technologien
„Vor allem KMU und Start-ups eröffnen die Projektergebnisse Zugang zu neuen, digitalen Geschäftsmodellen. So können durch Übertragung des Ansatzes vom gezielten Einsatz der Szenarien-Entwicklung über Technologieanalyse bis hin zu kooperativen Partnerschaften innovative Geschäftsmodelle erschlossen werden“, erläutert Projektmitarbeiter Felix Carros vom Zentrum Ländliche Regionen die Chancen des Projekts. Lina Mebus vom Zentrum WertNetzWerke ergänzt: „Besonders in gesellschaftlich relevanten Feldern wie Pflege, Bildung oder öffentliche Verwaltung eröffnen digitale Avatare und vernetzte Tools eine Vielfalt an neuen Einsatzmöglichkeiten. Entscheidend ist dabei, dass diese Lösungen nicht technikgetrieben, sondern praxisnah und gemeinsam mit Anwender:innen gestaltet werden, um nachhaltigen Mehrwert zu schaffen.“
Das Unternehmen: domstadt.tv / ai avatare
Das Projekt wird gemeinsam mit der domstadt.tv GmbH umgesetzt. Das Kölner Medienunternehmen ist seit 25 Jahren spezialisiert auf audiovisuelle Kommunikation für Unternehmen, Institutionen und Verbände. Mit seiner Neugründung ai avatare erweitert das Unternehmen sein Portfolio um innovative Lösungen im Bereich Mensch-Maschine Interaktion in Verbindung von Avataren und Deep Learning.
Laufzeit
Q2/2025 – Q4/2025
Ansprechpartnerin des Digitalisierungsprojekts
Lina Mebus
Mail
Mittelstand-Digital Zentrum WertNetzWerke