Wofür steht Wert in Wertschöpfungsnetzwerke?

Die Notwendigkeit einer neuen Definition von Wert
Traditionelle ökonomische Modelle haben den Begriff der Wertschöpfung lange Zeit vor allem auf finanziellen Gewinn reduziert. Doch angesichts globaler Herausforderungen wie Klimawandel, sozialer Ungleichheit und technologischer Umbrüche wird zunehmend klar, dass dieser enge Fokus nicht mehr ausreicht. Heute müssen ökologische und soziale Aspekte ebenso berücksichtigt werden, um den tatsächlichen Wert eines Geschäftsmodells zu erfassen.
Bill Baue und Ralph Thurm betonen in ihrem Whitepaper „From Monocapitalism to Multicapitalism - 21st Century System Value Creation“, dass verschiedene Kapitalarten – darunter ökologisches, soziales, humanes und kulturelles Kapital – integraler Bestandteil der Wertschöpfung sein müssen.(1) Diese holistische Betrachtung ermöglicht es, den Wert eines Geschäftsmodells nicht nur an finanziellen Erfolgen, sondern auch an seinen langfristigen Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt zu messen.
In diesem Zusammenhang ist die „Berliner Deklaration“ führender Wirtschaftswissenschaftler von Mai 2024 erwähnenswert, weil sie zeigt, dass diese Erkenntnis auf breitere Zustimmung zu treffen scheint. Sie stellt dar, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Fähigkeit von Regierungen und Märkten, die globalen Herausforderungen zu bewältigen, entscheidend dafür ist, was als Wert verstanden wird. Das weitverbreitete Misstrauen vieler BürgerInnen gegenüber Regierungen und Märkten basiert oft auf einem Gefühl des Kontrollverlusts über die eigenen Lebensgrundlagen, verstärkt durch Globalisierung, technologische Veränderungen und den Klimawandel.(2)
Die Deklaration fordert daher eine Neuausrichtung der Politik und Institutionen. Statt sich ausschließlich auf wirtschaftliche Effizienz zu konzentrieren, sollten geteilte Wohlstandsziele und die Schaffung sicherer, hochwertiger Arbeitsplätze im Vordergrund stehen. Ebenso wird eine Umgestaltung der Klimapolitik gefordert, die durch einen angemessenen Kohlenstoffpreis, starke Anreize zur Emissionsreduktion und umfangreiche Infrastrukturinvestitionen gestützt wird. Zusätzlich fordert die Berliner Deklaration eine Globalisierung, die die Vorteile des freien Handels wahrt, gleichzeitig aber die Verwundbarsten schützt und nationale Kontrolle über strategische Interessen ermöglicht.
Kate Raworths Konzept der Doughnut-Ökonomie setzt dabei einen klaren Rahmen und visualisiert ihn sehr anschaulich. In ihrer Theorie definiert sie planetare Grenzen und soziale Fundamente, die die Grenzen des wirtschaftlichen Handelns markieren. Wertschöpfung im 21. Jahrhundert bedeutet also, innerhalb dieser Grenzen zu agieren und sicherzustellen, dass menschliche Bedürfnisse gedeckt werden, ohne den Planeten zu überlasten oder soziale Ungerechtigkeiten zu verschärfen. Ein neues Verständnis von Wert muss diese Faktoren in den Mittelpunkt stellen, um den komplexen Anforderungen unserer Zeit gerecht zu werden.(3)


Vom Konzept zur Praxis: Messgrößen für nachhaltige Wertschöpfung
Theoretische Konzepte allein reichen jedoch nicht aus. Um sicherzustellen, dass ein Geschäftsmodell tatsächlich wertschaffend agiert, müssen klare und messbare Indikatoren entwickelt werden. Hier setzt das Prinzip „Thresholds and Allocations“ („Schwellenwerte und Allokation“) an, das besagt, dass es klare Schwellenwerte gibt, die nicht überschritten werden dürfen. Diese Schwellenwerte basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Belastungsgrenzen unseres Planeten sowie den sozialen Mindestanforderungen, die für ein menschenwürdiges Leben notwendig sind.
Die Sustainable Development Performance Indicators (SDPI) des UNRISD bieten ein erstes Set an Messgrößen, um den Wert eines Geschäftsmodells ganzheitlich zu bewerten. Diese Indikatoren gehen weit über die traditionellen finanziellen Kennzahlen hinaus und berücksichtigen ökologische und soziale Aspekte der Wertschöpfung. Am Beispiel des SDPI-Indikators für Wasserverbrauch, der in vielen Regionen der Welt zu einem kritischen Thema geworden ist, lässt sich das Prinzip anschaulich darstellen.
Laut den SDPI soll der Wasserverbrauch eines Unternehmens wie folgt gemessen werden: „Der Netto-Frischwasserverbrauch an einem Standort darf den fairen Anteil an der regenerativ verfügbaren Wassermenge innerhalb des jeweiligen Ökosystems nicht übersteigen.“ Dieser Indikator ist entscheidend, um sicherzustellen, dass Unternehmen die Wasserressourcen nicht übermäßig beanspruchen und dadurch die ökologischen Systeme schädigen, die von diesen Wasserressourcen abhängen. Besonders in wasserarmen Regionen kann eine übermäßige Wasserentnahme schwerwiegende soziale und ökologische Folgen haben, wie zum Beispiel den Verlust von Lebensgrundlagen für lokale Gemeinschaften oder die Degradation von Ökosystemen.
Dieser Indikator zeigt, wie wichtig es ist, den gesamten Impact eines Geschäftsmodells zu messen – nicht nur an einem Standort, sondern über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Ein Unternehmen könnte beispielsweise an einem Standort wassereffizient arbeiten, gleichzeitig aber über seine Lieferkette große Mengen an Wasser verbrauchen, ohne dies transparent zu machen. Die SDPI fordern daher eine ganzheitliche Betrachtung, bei der nicht nur die direkten, sondern auch die indirekten Auswirkungen eines Geschäftsmodells berücksichtigt werden.
Ganzheitliche Wertschöpfung und globale Verantwortung
Zusammengefasst erfordert eine nachhaltige Wirtschaft sowohl eine klare Definition von Wert als auch die Implementierung präziser Messgrößen, die den gesamten Impact eines Geschäftsmodells berücksichtigen. Die SDPI bieten hier einen umfassenden Rahmen, der es Unternehmen ermöglicht, ihre Wertschöpfung entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu bewerten und sicherzustellen, dass sie innerhalb der planetaren Grenzen und sozialen Fundamente agieren.
Durch die regelmäßige Überprüfung dieser Messgrößen und die Berücksichtigung von Schwellenwerten können Unternehmen nicht nur ihre ökologische und soziale Leistung verbessern, sondern auch sicherstellen, dass sie langfristig wertschaffend und nicht wertevernichtend agieren. Dies ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen und werteorientierten Wirtschaft, die nicht nur kurzfristige Gewinne maximiert, sondern eine positive Zukunft für alle Beteiligten sichert.
- Baue, B., & Thurm, R. (2020). “From Monocapitalism to Multicapitalism: 21st Century System Value Creation”. https://r3-0.org/wp-content/uploads/2020/12/r3-0-White-Paper-1-2020-From-Monocapitalism-to-Multicapitalism.pdf
- Forum New Economy. (2024). Berlin Summit Declaration May 2024. Forum for a New Economy (https://newforum.org/)
- Raworth, K. (2017). “Doughnut Economics: Seven Ways to Think Like a 21st-Century Economist” United Nations Research Institute for Social Development (UNRISD). Sustainable Development Performance Indicators (SDPI). https://www.unrisd.org




